„Auf der Basis einer dünnen Datenlage wurde dramatisiert“

TRAGENDE RINDER. Im führenden deutschen Rinderschlachtbetrieb Waldkraiburg befragte Dr. Heinz Schweer, Direktor Landwirtschaft bei Vion, Dr. Gerhard Wittkowski zum medialen Aufregerthema „Schlachtung gravider Kühe“. Der Tiermediziner, als früherer Leiter des Tiergesundheitsdienstes Bayern eine Institution, wirkt heute noch als Vorsitzender des Ausschusses Tiergesundheit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter (ADR).

Auf der Basis einer dünnen Datenlage wurde dramatisiert

Herr Dr. Wittkowski, die Schlachtung tragender Rinder ist in die öffentliche Diskussion gerückt. Ist das ein Problem der modernen Tierhaltung?

Wittkowski: Das trifft nicht zu. Früher, zu Zeiten des Natursprungs und bei den damals auf der Weide mitlaufenden Deckbullen, kannten die Landwirte den Befruchtungstermin nur ungefähr. Es wurden sicherlich wesentlich häufiger hochtragende Rinder geschlachtet als heute. Die Unkenntnis über das Trächtigkeitsstadium war wesentlich größer, als sie es jetzt ist. Aber es gab auch ein Regulativ: Bei der Lebendviehvermarktung wurde das Gewicht der Trächtigkeit – das heißt der Gebärmutter, des Fruchtwassers und des ungeborenen Kalbes – auf der Abrechnung abgezogen und nicht bezahlt. Die Schlachtung tragender Rinder hatte sichtbare Folgen für den Erlös. Das ist mit der Abrechnung auf geschlachteter Basis nicht mehr der Fall.

 

Wie sehen Sie die Lage heute?

Wittkowski: Rinder im letzten Drittel der Trächtigkeit haben derzeit in Deutschland einen Anteil von weniger als 0,8 Prozent an den Schlachtrindern. Das Problem hat in der Praxis sehr geringe Bedeutung. Leider wurde der Anteil trotz Kenntnis einer dünnen Datenlage unwissenschaftlich auf das Mehrfache hochgerechnet, um zu dramatisieren. Ebenso dünn sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wahrnehmungen des unreifen Fetus bei der Schlachtung des Muttertieres. Es wird überwiegend von anatomischen Organstrukturanlagen auf deren Funktionsfähigkeit geschlossen. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar und so unzutreffend wie die Behauptung, die Lunge eines 200 Tage alten Rinderfetus sei funktionsfähig.

 

Reicht das Transportverbot für hochtragende Rinder aus?

Wittkowski: Der Transport von hochtragenden Rindern zum Schlachthof ist europaweit verboten, wenn die Trächtigkeit mehr als 90 Prozent fortgeschritten ist. Kühe der Rasse Deutsche Holstein tragen 278 Tage, die der Rassen Braun- und Fleckvieh 288 Tage, das heißt, ab dem 250. bzw. 259. Trächtigkeitstag gilt das Transportverbot. Bei der Europäischen Union hat man sich auf diesen Zeitpunkt zum Schutz der Muttertiere geeinigt. Aber auch der Fetus ist geschützt in einer Phase, in der er eine Frühgeburt überleben kann. In diesem Stadium ist von einer Wahrnehmungsfähigkeit des Fetus auszugehen. Der Verbotszeitraum ist deshalb vernünftig und begründet gewählt. Man sollte es dabei belassen.

 

Ist nicht die Vorstellung grauenvoll, dass Kälber im Mutterleib ersticken oder ertrinken?

Wittkowski: Die Vorstellung ist so grauenvoll wie unzutreffend. Hier wird aus dramaturgischen Gründen der Sachverhalt wider besseres Wissen unsachlich dargestellt, um Emotionen zu wecken. Was sind die seit Jahrzehnten bekannten Tatsachen?

Erstickung oder Ertränkung ist die Herbeiführung von Sauerstoffmangel in der Atemluft durch Verlegung der Atemwege, durch Wasser oder durch Aufenthalt in großer Höhe. Dieser langsame und grausame Tod setzt eine funktionierende Lunge voraus. Eine solche hat aber der Rinderfetus nicht bis zu seiner Geburt. Vor der natürlichen Geburt kann seine Lunge keinen Sauerstoff aufnehmen, weil sie unter dem Einfluss der mütterlichen Hormone, die die Geburt einleiten, noch nicht gereift ist. Zweitens liegt eine natürliche Geburt bei einer Schlachtung nicht vor. Drittens ist in der fetalen Lunge kein Sauerstoff enthalten, der verdrängt werden könnte. Das Bild von der Erstickung oder Ertränkung ist völlig falsch.

Richtig ist, dass der Fetus bei der Schlachtung aufgrund eines durch Blutentzug und Sauerstoffmangel bedingten Herz-, Kreislauf- und Organversagens stirbt. Die Bewusstlosigkeit tritt schnell ein. Bei der Öffnung des Schlachtkörpers ist der fetale Körper bereits leblos.

Auf der Basis einer dünnen Datenlage wurde dramatisiert

 

Aber der Gesetzgeber schreibt doch eine Betäubung vor?

Wittkowski: Ja, mit Recht tut er das, weil für die Schlachtung oder Tötung ein Eingriff nötig ist und die körperliche Unversehrtheit zerstört wird. Er will durch die Betäubung dem Tier die Wahrnehmung des Schmerzes beim tiefen Stich in die Blutgefäße und die Sicht auf die Umgebung bei erlöschendem Bewusstsein ersparen.

Das trifft für den Fetus nicht zu. Er stirbt im Mutterleib ohne jeden Eingriff an seinem Körper mit unversehrten Körper und Fruchthüllen, ohne Berührung, ohne Sicht auf das, was auf ihn zukommt. Er verliert sein Blut über den Nabel in die mütterlichen Gefäße. Ein Lufteintritt in die fetalen Gefäße ist nicht möglich. Was er wirklich empfindet, werden wir nie erfahren: in jedem Fall aber keine nozizeptiven Schmerzen, die durch Stichwunden wie bei der Mutter entstehen. Der Fetus wird bei der Schlachtung in jedem Fall besser behandelt als das Muttertier. Der Schlachtvorgang kann nicht mit der Tötung von Muttertieren ohne Blutentzug verglichen werden, was oft getan wird.

 

Was bewegt Bauern, hochtragende Tiere abzugeben?

Wittkowski: Für Nutztiere ist die Schlachtung die Bestimmung. Es ist ethisch geboten, Nutztiere so vollständig und sinnvoll zu nutzen wie möglich. Stellen Sie sich vor, wir würden nur die Milch der Kuh, die Ferkel der Sau oder das Sperma des Ebers nutzen und den Tierkörper verwerfen. Das wäre nicht vertretbar. Seit Jahrtausenden nutzen die Menschen die Natur der Säugetiere. Nach einer Geburt mobilisieren Muttertiere ihre Körperreserven, um die Nachkommen optimal mit Milch zu versorgen – sie fleischen ab. Nach einer Befruchtung legen die Muttertiere Körperreserven an – sie nehmen zu. 

Wie sieht das heute bei Kühen aus? Bauern geben den Kühen so lange wie möglich eine Chance, im Bestand zu bleiben. Man verdient mit der Milch, man will melken, bis die Tagesleistung auf etwa 15 Kilogramm gefallen ist. Und man will die Remontierungskosten – für deren Deckung lange gemolken wird – niedrig halten. Wenn die Kuh ihr Leistungsvermögen und ihre Vitalität bewiesen hat, bleibt sie im Bestand. Wenn nicht, dann geht sie zum Schlachten. Keine Trächtigkeit, keine Diskussion. Fruchtbare Kühe sind zu diesem Zeitpunkt tragend. Die meisten bleiben im Stall. Die allerwenigsten gehen noch zum Schlachten, und dies kann in das letzte Drittel der Trächtigkeit fallen. Aber die Schlachtung von Rindern ist nach dem sechsten Trächtigkeitsmonat in aller Regel unwirtschaftlich. Deshalb ist ihr Anteil auch sehr gering und er sollte weiter verringert werden.

 

Nun ist es aber mit der Schlachtkörperqualität der Kühe nicht gut bestellt …

Wittkowski: Das ist richtig. Das sieht man an der Handelsklasseneinstufung. Es ist auch eine Folge der Natur. Die Kuh fleischt zugunsten der Milchsynthese im Euter ab. Erst wenn sie mehr Energie aufnimmt, als sie abgibt, nimmt sie wieder zu. Die Körperkonditionsbefunde der Bestände zeigen das deutlich. Für die Milcherzeugung sollte die Kuh nicht zu fett werden, für eine gute Handelsklasse aber was auf den Rippen haben. Nehmen wir an, bei einer tragenden Kuh fällt die Entscheidung zur Schlachtung am 180. Laktationstag. Das ist früh, da fehlt noch ein ganzes Stück der Laktation. Bei der Entscheidung ist sie im Mittel 50 bis 80 Tage tragend, je nach Rasse. Für die Erzeugung einer Qualitätsschlachtkuh sind in der Regel 100 Masttage nötig. Dann werden ca. 66 Prozent der Beispielkühe vor dem und ca. 33 Prozent im siebten Trächtigkeitsmonat geschlachtet. Das sind seltene Einzelfälle, das halte ich für vertretbar.

Für mich ist es nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ethisch geboten, Qualität zu erzeugen. Wenn wir Nutztiere halten, sollten wir das Beste aus ihnen machen und sie vollständig nutzen. In dem Zielkonflikt zwischen bester tierhalterischer Praxis und unbewiesenen Wahrnehmungen eines unreifen Fetus entscheide ich mich für die beste tierhalterische Praxis. Das heißt, mit Qualitätsschlachtkühen, die in sehr seltenen Fällen im siebten oder achten Trächtigkeitsmonat sind, habe ich keine ethischen Probleme. Probleme habe ich mit mageren, hochtragenden Kühen, die in schlechte Handelsklassen fallen. Diesen Fällen muss man nachgehen, um sie zu vermeiden. Hier besteht Beratungsbedarf.

Auf der Basis einer dünnen Datenlage wurde dramatisiert

 

Kann aus tierärztlicher Sicht die Schlachtung hochtragender Rinder notwendig sein?

Wittkowski: Ja, aus Gründen der Einzeltier- oder der Bestandsgesundheit sowie der Seuchenbekämpfung. Es ist heute und wird in Zukunft notwendig sein, einen gesamten Bestand zu schlachten, um zum Beispiel eine BHV1-freie oder TBC-freie Region zu schaffen oder zu erhalten. In Zukunft könnten uns sogar Erreger, die für das Nutztier unschädlich sind, zwingen, gesamte Bestände zu räumen. Da bin ich so weit wie möglich für die Schlachtnutzung und nicht für die Tötung.

Aber vor allem wäre es völlig widersinnig, wenn Behandlungen von fruchtbaren, tragenden Tieren unterblieben, weil die Behandlungsdauer und eine langwierige Genesung wie bei Klauenerkrankungen in den Zeitraum des letzten Trächtigkeitsdrittels hineinreichen könnte und die Erfolgsaussichten der Behandlung nicht hundertprozentig sind. Das heißt, dass im Erkrankungsfall gerade einem fruchtbaren, tragenden Muttertier nicht nur im Verbotszeitraum, sondern bereits lange davor die angemessene Behandlung verweigert wird und ihm Schmerzen und Leiden zugemutet werden. Die Vorstellung einer unterlassenen Hilfeleistung für das Muttertier aufgrund des Risikos einer Schlachtung im sechsten bis achten Trächtigkeitsmonat ist für mich als Tierarzt eine unerträgliche Horrorvorstellung.

 

Was ist zu tun?

Wittkowski: Aus Sicht der Güterabwägung hinsichtlich des Wohles und der Gesundheit des Muttertieres wie des Fetus ist die europäische Lösung des Transportverbots vernünftig und sollte beibehalten werden. Die Erweiterung des Verbotszeitraums wird neben den geschilderten noch zu weiteren unerwünschten Folgen führen, vor allem bei der Nutzungsdauer und bei der tierärztlichen Versorgung tragender Tiere, sowie möglicherweise zur Aborteinleitung vor dem Verbotszeitraum. Das ist nicht kontrollierbar. Die Erweiterung des Verbotszeitraums ist kontraproduktiv.

Die vor dem jetzigen Transportverbot liegende Phase des letzten Drittels der Trächtigkeit kann heute so beeinflusst werden, dass noch weniger Rinder in diesem Stadium geschlachtet werden, und zwar mit folgenden Maßnahmen:

  • Die Unkenntnis über die Trächtigkeit im Zweifelsfall durch labordiagnostische Trächtigkeitsuntersuchungen in der Milch oder im Kot beseitigen.
  • Das Krankheitsrisiko der Färsen und Kühe durch regelmäßige Klauenpflege und tägliche Euterhygiene und damit den Remontierungsbedarf senken.
  • Die Entscheidung zur Schlachtung spätestens zwischen dem 150. und 160. Laktationstag fällen, um noch Qualitätsschlachtkühe produzieren zu können.
  • Den Wert des Kalbes bei milchbetonten Rassen durch Biotechnik steigern: am besten durch den umfangreichen Einsatz von gesextem, männlichem Sperma von genetisch hornlosen Fleischvererbern.
  • Zukünftig die Entscheidung zur Schlachtung in die Rastzeit vorziehen durch Nutzung der genomischen Information auf der mütterlichen Seite, ohne den Zuchtfortschritt ungünstig zu beeinflussen.
  • Futtervorräte und -reserven jährlich überlappend anlegen, um für unvorhersehbare Engpässe gewappnet zu sein.

Am Ende sollte man mit guter tierhalterischer Praxis die Fakten sprechen lassen, aber sich auch öffentlich gegen nicht wissenschaftlich basierte Behauptungen und Vorwürfe wehren.

Die Fragen stellte Dr. Heinz Schweer