Von den Wohnträumen eines Schweinsauf dem Hof Harms hinterm Elbedeich

Das Wendland liegt unter einer leichten Schneedecke. Der scharfe Ostwind zaubert Polaratmosphäre. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg, in Damnatz, dort, wo vor langer Zeit eine Ziegelei rauchte, stehen heute ein schmuckes Wohnhaus, Viehställe und Scheunen für den ansehnlichen Fuhrpark mit vier Schleppern. Draußen dampfen zwei Pferde, ein altes Rad mit Ledersattel lehnt malerisch an einer Backsteinwand. Nur wenige Schritte und man steht auf dem Deich. Kein Geräusch stört die eingefrorene Bullerbü-Idylle. Gleichwohl wird sie aufs Lebhafteste bewohnt: von Schweinemäster Henning Harms, 46, und seiner Familie.

Stabile Preisbildung ist absolut wichtig

Zum Clan gehören Gattin Angela, die Kinder Ole, Insa und Thelda, Oma und Opa, zwei Mitarbeiter sowie Collie, die Hofhündin. Letztere muss draußen bleiben, aber auch ohne Tier summt und brummt es im Haus. Frau Harms senior kocht, ihr Mann erzählt von früher, während die elfjährige Thelda aus der Schule kommt. Der Hausherr zeigt dem Besuch das Geschenk einer Praktikantin vom letzten Sommer: ein liebevoll gestaltetes Album mit Fotos von sonnigen Tagen, fröhlichen Menschen und herrlich entspanntem Borstenvieh. Schweine, die lässig eine Klaue übers Gatter legen, sich mit Langstroh und Weichholz an der Kette beschäftigen oder im Schatten dösen.

Die Bilder beweisen: Hier leben selbst die Schweine wie im Paradies. Henning und Angela Harms bereiten ihren Tieren das Leben aber auch deutlich freudvoller, als es der Gesetzgeber verlangt. Im Vergleich zu anderen konventionellen Mastställen gibt es in Damnatz „mehr Platz, weniger Stress, mehr Lebensqualität“. So können die Tiere, wann immer ihnen danach ist, an die frische Luft. Bereits vor 14 Jahren tourte das Ehepaar Harms auf der Suche nach optimalen Mastbedingungen durch die Republik und entdeckte schließlich in der Nähe von Münster, was die beiden überzeugte: einen Außenklimastall.

Das sollte jeder einmal mit eigenen Augen gesehen haben, wie sauwohl sich ein modernes Schwein fühlen kann. Auf Harms Hof leben 1.000 Ferkel und es gibt Platz für 1.400 Mastschweine. Noch lebt ein Teil im umgebauten alten Stall am Haus, doch die meisten Schweine residieren in nur wenig entfernten Neubauten – im Fachjargon Pigports genannt: ein geschütztes, behagliches Plätzchen zum Schlafen, ein Raum zum Fressen, eine Ecke zum Spielen, ein stilles Örtchen und – natürlich – ein Auslauf mit Sonnennetz. Die Wohnträume eines Schweins unterscheiden sich nicht wirklich von denen des Menschen. Henning Harms lacht, während er den Außenbereich einer Bucht öffnet. Wegen der sprichwörtlichen Schweinekälte heute waren die Türen geschlossen; aber nun kommen einige Tiere doch neugierig nach draußen, während andere gemütlich liegen bleiben. Auch Schweine sind Individualisten.

Was sie alle mögen: dass die Temperatur in ihrer Umgebung stimmt. Im Pigport kann jedes Tier seinem Wärmebedürfnis entsprechend den optimalen Platz wählen. Allerdings gibt es den Luxus einer Heizung nur für die Ferkel. Den Großen reicht die von den „Kollegen“ abgegebene Wärme. Grundsätzlich wissen erfahrene Schweinehalter: Selbst die größte Kälte ist für die Tiere nicht so kritisch wie Bullenhitze im Sommer. So suhlen sich die von Natur aus äußerst reinlichen Schweine nur bei hohen Temperaturen und fehlenden Abkühlungsmöglichkeiten im eigenen Kot. Wem Schweißdrüsen fehlen, tut in der Not alles, um einem Herz-Kreislauf-Kollaps zu entgehen. Die Wahlfreiheit zwischen drinnen und draußen, so hat Harms festgestellt, fördert aber nicht nur die Gesundheit, sondern entspannt auch das Zusammenleben. Gibt es Reibereien, können sich die Tiere einer Gruppe leicht aus dem Weg gehen.

Mit Beginn der Stalltour hat Bauer Harms zu strahlen begonnen. Ernsthaft, der Mann leuchtet förmlich, während er seine Philosophie erklärt. Mit dem Wort „ganzheitlich“ ist sie einigermaßen gut skizziert. „Alle Parameter müssen stimmen“, sagt Harms, „sonst funktioniert es nicht.“ Schweine sind nicht gleich Schweine. Einige Rassen verhalten sich sozialer. Vorteilhaft also, wenn man solche Dinge auf dem Schirm hat. Ein gesundheitsfördernder Stall allein ist kein Garant für Erfolg. Selbstverständlich brauchen unsere Hausschweine auch bestes Futter. Landwirt Harms schwört auf sein eigenes Getreide. Seit er bei der Ernährung der Ferkel den Rohfaseranteil erhöht hat, legen sie zwar nicht mehr ganz so rasant an Gewicht zu, Harms hat aber beobachtet, dass sie später in der Mast „robuster“ sind.

Auch deshalb sieht man den Tierarzt selten auf dem Hof, er kommt nur zu den üblichen Kontrollen. Dass der Veterinär ansonsten nicht gebraucht wird, geht zumindest teilweise auf das Konto von Ehefrau Angela. Die Bäuerin mit Interesse an Anthroposophie und Naturheilkunde arbeitet in Teilzeit als Krankenschwester, auf dem Hof verantwortet sie die Ferkelaufzucht. Die „Ökotante“, wie ihre Kinder sie liebevoll necken, schwört in Sachen gesunde Kinderstube auf Achtsamkeit und Globuli – auch im Stall. Ob Schweine nun an Homöopathie glauben oder nicht, ist weder bekannt noch relevant: „Total egal. Hauptsache, es wirkt“, bestätigt Henning Harms die Anwendungen seiner Frau und lächelt.

Was für ein sympathisches Paar, was für ein Glück haben ihre Schweine! Selbstverständlich gehörte der Harms-Hof zu den ersten Betrieben, die das Tierschutzlabel (Einstiegsstufe) des Deutschen Tierschutzbundes bekamen. An dessen Erarbeitung und Erprobung ist VION als bisher einziges Schlachtunternehmen zusammen mit Wissenschaftlern und weiteren Landwirten beteiligt. Das sei schon ein „tolles Gefühl“, sagt Angela Harms. Und: „Endlich wird unser Engagement gewürdigt.“

Bleibt nur noch die Frage nach dem Warum. Warum so viel Einsatz, manche würden sagen „Bohei“, um ein Tier, das letztlich doch geschlachtet wird? Die Antwort von Angela Harms kommt ohne eine Nanosekunde des Zögerns: „Weil man krank wird, wenn man seine Arbeit nicht mit Liebe macht.“ Henning Harms sagt: „Die Tiere entwickeln sich besser.“

Stimmt. Ungläubigen sei ein Besuch in Damnatz empfohlen. Ein Ausflug lohnt – bei jedem Wetter.