Steuert die Nutztierhaltung in eine Sackgasse?

Dr. Heinz Schweer, Direktor Landwirtschaft bei Vion, hat in einem Beitrag für die Viehhandelszeitung vfz analysiert, wohin die Nutztierhaltung steuert. Er fordert, dass Land- und Fleischwirtschaft in die Offensive gehen müssten. Es gelte, auf die geänderten gesellschaftlichen Einstellungen zur Nutztierhaltung zu reagieren. Die Niederlande seien mit dem Beter Leven-Programm, der Kooperationsbereitschaft des Handels und der Ganzschweinevermarktung ein Vorbild. Das geplante staatliche Label ermögliche demnächst dem Verbraucher in Deutschland, etikettiertes Tierwohl-Fleisch zu kaufen.
Lesen Sie hier den Fachbeitrag von Dr. Schweer. Das Originaldokument vfz können Sie am Ende des Artikels öffnen.

Steuert die Nutztierhaltung in eine Sackgasse?

Die Schweine-und Milchpreise erreichten 2016 mit 1,25 €/kg und 0,20 €/Liter ein neues Preistief, dass viele bäuerliche Existenzen bedroht. Im Mittelpunkt der agrarpolitischen Debatte standen aber nicht Nothilfeprogramme zur Abfederung der Preismisere. Die Branche beschäftigte vielmehr die Frage, wohin steuert die Nutztierhaltung?

Wissenschaftlicher Beirat fordert Umbau der Nutztierhaltung

Der wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), unter Vorsitz von Prof. Dr. Harald Grethe, legte ein umfassendes Gutachten vor, in dem der Umbau der Nutztierhaltung gefordert wird. Es geht um die Umsetzung von mehr Tier- und Umweltschutz. Die gesellschaftliche Einstellungen zur Nutztierhaltung verändere sich, so die Erkenntnis der Experten. Aus fachwissenschaftlicher Sicht gebe es viel Verbesserungsbedarf im Tierschutz. Der Umbau der Nutztierhaltung wird dabei für essentiell gesehen. Angesetzt wird für diesen Prozess ein Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Prof. Grethe geht das Thema behutsam an, nichts müsse sofort geschehen, aber die Branche müsse beginnen umzusteuern, so seine unmissverständliche Aufforderung.

Wie zu erwarten, hat dieses Gutachten kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Die Führung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) reagierte mit größtem Unverständnis, da die Wissenschaftler die heutige Nutztierhaltung als nicht zukunftsfähig ansehen. Die Agrarfunktionäre entgegnen: Das große Engagement des DBV bei der Initiative Tierwohl unterstreiche doch den Willen der Landwirte, auch im Tierschutz Veränderungen umzusetzen, wenn denn der Markt sie auch honoriere.

Im Gegensatz zum Bauernverband erfuhr das Gutachten von Seiten der Politik quer durch alle Parteien sowie in den Medien große Zustimmung. Es galt auch als Vorlage für manche Buchveröffentlichung von Politikern und NGOs, sich zu positionieren. Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, nutzte das Gutachten für seine Thesen in dem Buch „Fleischfabrik Deutschland“ ebenso wie Foodwatch-Vize Matthias Wolfschmidt in seinem Druckwerk „Das Schweinesystem“.

Wie realitätsnah sind die Vorstellungen? Müssen wir einen radikalen Umbau der Nutztierhaltung angehen?

Versuchen wir also die praktischen Schritte der aktuellen Tierschutzdebatte einzuordnen.

Initiative Tierwohl ist als Branchenplattform ein Anfang

Die Initiative Tierwohl (ITW) ist eine Brancheninitiative, in der alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette die Notwendigkeit von Reformen in der Schweinehaltung anerkennen. Auch organisatorisch ist diese Plattform bestens geeignet, um alle Teilnehmer an einen Tisch zu bekommen.

Für die Einhaltung bestimmter Kriterien, wie etwa mehr Platz und Beschäftigungsmaterial für die Tiere, bekommen 2.500 Landwirte einen finanziellen Ausgleich in Höhe von ca. 60 Millionen Euro. Ab 2018 sind dann 100 Millionen Euro für 5000 Schweinehalter vorgesehen. Allerdings fiel im Herbst ein Schatten auf die ITW. Die wichtigen Testimonials in der Außenkommunikation, der Deutsche Tierschutzbund und Pro Vieh, stellen ihre Mitarbeit im Beirat der ITW ein. Grund: der Tierschutzbund fühlte sich von der Initiative nicht ausreichend in die Findung von Kriterien eingebunden, die eine Weiterentwicklung des Konzeptes und Anschlussstellen zum Tierschutzlabel ermöglichten. Offensichtlich hat die ITW den Beschluss, innovative Kriterienkombinationen zu erarbeiten, zu spät gefasst.

Welche Zukunft die Initiative nun hat, wird vom Zusammenhalt der Beteiligten abhängen und ob sie die Strategie 2018 auch umsetzen. Wichtig wird sein, inwiefern das von Minister Schmidt geplante staatliche Tierschutzlabel seinen Platz im Markt findet. Wird es komplett parallel zur Initiative entwickelt oder baut es, wie die ITW es wünscht, auf den Basiskriterien der Initiative auf?

Kann ein politisches Tierschutzlabel sich im Markt durchsetzen?

Das größte Manko der ITW ist der fehlende Nämlichkeitsnachweis. Der Verbraucher kann dieses Fleisch nicht kaufen. Es wird nur in der PR-Arbeit verwendet und in den Outlets des Lebensmitteleinzelhandels darauf hingewiesen, dass mit dem Fleischeinkauf Tierwohl unterstützt wird. Genau diese Schwäche nutzt der Bundesminister mit seinem staatlichen Label, das ihm sowohl der wissenschaftliche Beirat (Prof. Grethe) als auch der Kompetenzkreis des Ministeriums (Ex-Landesminister Lindemann) empfohlen haben. Der Verbraucher soll mit dem Kauf von gelabeltem Schweinefleisch in Zukunft seine Anerkennung von Tierschutzmaßnahmen zum Ausdruck bringen können. Geht das überhaupt?

Die Erfolge unserer Vion-Pionierarbeit in Deutschland mit dem Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes sind bisher überschaubar. Die Bauern machen mit und setzen die Kriterien mit mehr Tierschutz um. Nur der Handel hat sich bisher mit Verweis auf die Unterstützung der Initiative Tierwohl wenig um das Label gekümmert. Unsere Erfahrung zeigt ganz deutlich, dass die Umsetzung eines Labels erst wirtschaftlich funktioniert, wenn das ganze Schwein vermarktet wird (Ganzschweinevermarktung). Die Beschränkung des Handels auf nur wenige Edelteile kann die Mehrkosten in der Aufzucht nicht ausgleichen.

Flächendeckendes Tierschutzlabel im LEH der Niederlanden

Ein Blick über die Grenze in die Niederlande zeigt, wie es gehen könnte, um beim Tierschutzprogramm mit einem flächendeckenden Verkauf aus der Nische herauszukommen. Der dortige LEH-Marktführer Albert Heijn (AH) hat mit dem niederländischen Tierschutzbund Deerenbescherming, Vion und Landwirten der Gruppe Good Farming Star das Label Beter Leven landesweit umgesetzt. Allein Vion schlachtet in der Woche 25 000 Beter Leven Schweine. Der Durchbruch gelang 2016, als sich die Fleischwarenindustrie bereit erklärte, die Verarbeitungsteile des Schweins abzunehmen, die nicht als Frischfleisch verkauft werden.

Das heißt für die deutschen Bemühungen um die breite Einführung eines Tierwohlprogramms: Egal ob privates oder staatliches Label, eine erfolgreiche wirtschaftliche Umsetzung setzt die Ganzschweinevermarktung voraus. Sind der LEH und die Fleischwarenindustrie dazu bereit?

Ob Initiative Tierwohl, Tierschutzlabel oder nationale Nutztierstrategie, wie sie die Gutachter fordern, die Tierschutzdebatte wird uns 2017 weiter beschäftigen. Im Bundestagswahlkampf werden uns zu dem Thema noch viele rationale und irrationale Vorschläge begleiten. Dabei ist es für die Land-und Fleischwirtschaft wichtig, wieder in die Offensive zu kommen. Der kürzlich in einem Agrarmagazin abgedruckte Kommentar eines Landwirts trifft den Kern, hier ein Auszug: „Einige Parteien und Verbände fordern von uns vehement eine Agrarwende, die wir bisher kategorisch ablehnen. Warum rufen wir nicht selbst eine Agrarwende nach unseren Vorstellungen aus? Nur wer handelt, kann auch selbst gestalten. Das würde uns einiges abverlangen, wäre aber ein mutiges Signal an die kritischen Bürger.“

Vertikale Integration wird voranschreiten

Mit der Einführung von Tierschutzprogrammen wird sich auch der Umgang in der Zusammenarbeit zwischen LEH, Schlachtstellen und Erfassungsorganisationen ändern. Vertikale Formen der Zusammenarbeit sind Voraussetzung für die Umsetzung bestimmter Kriterien, die über dem gesetzlichen Standard liegen und eine gesonderte finanzielle Honorierung für die Bauern erforderlich machen. Beispiele aus dem Lebensmitteleinzelhandel als Integrator gibt es schon, wie in bestimmten Edeka Regionen mit dem Gutfleisch-Programm. Für die Fleischwirtschaft sind Partnerschaftsmodelle mit horizontalen Zusammenschlüssen von Landwirten wünschenswert, die sich zu solchen Programmen bekennen. Welche Rolle dabei Erzeugergemeinschaften, Genossenschaften oder private Viehhändler spielen, hängt von ihrer Integrationsbereitschaft ab. Schlachthofeigene Erfassungsorganisationen, wie z.B. die Vion Zucht- und Nutzvieh, könnten dadurch eine zusätzliche Positionierung bekommen.

Der überwiegende Teil unseres Marktes wird aber noch nicht in Integrationssystemen operieren. Neben dem LEH als Kunden sind wir in Deutschland sehr stark auf den Export angewiesen. In den meisten europäischen Ländern und in Drittlandmärkten sind die Tierschutzgedanken unserer Wohlstandsgesellschaft bisher wenig ausgeprägt.

Alle Erfassungsformen in Deutschland wie Genossenschaften, Erzeugergemeinschaften und privater Viehhandel werden ihre Funktion und Berechtigung behalten. Der durch den Tierschutz beschleunigte Strukturwandel wird aber auch vor den Erfassungsorganisationen keinen Halt machen. Erzeugerorganisationen wie private Viehhandelsorganisationen wachsen. In beiden Organisationsformen sind Erfassungsmengen von über 30 000 Schweinen pro Woche keine Einzelfälle mehr. Spannend wird sein zu beobachten, welche Organisationsform den durch Tierschutz beschleunigten Strukturwandel am besten bewältigt? Die Genossenschaften, die privaten Viehhändler oder die konzerneigenen Erfassungsunternehmen.

„Wohin steuert die Nutztierhaltung?“ - Dr. Heinz Schweer, Vion Direktor Landwirtschaft, vfz 02.12.2016 im Anhang.

Zeitungsausschnitt vom Interview mit Herrn Dr. Schweer