Prämien vom Land für tiergerechte Produktion

Wolfgang Reimer blickt trotz seiner jugendhaften 59 Lebensjahre auf ein schon reichlich gefülltes Berufsleben zurück. Seit nunmehr vier Jahren führt er als Amtschef das grüne Landwirtschafts- und Verbraucherministerium in Stuttgart. Knapp ein Jahr vor der nächsten Landtagswahl setzt er mit einem neuen Vorschlag die Tierschutzdiskussion im Ländle in Gang. Landwirte, die besondere Haltungskriterien bei der Schweinemast erfüllen, können nicht nur eine Investitionsförderung von 40 Prozent beim Stallbau erhalten, sondern auch neun bis 14 Euro pro erzeugtem Mastschwein. Die Förderung läuft zunächst bis 2020.

Stabile Preisbildung ist absolut wichtig

Herr Reimer, grüne Politiker sind bekannt dafür, dass sie besonders lautstark die konventionelle Landwirtschaft kritisieren. Gibt es Vorschläge, wie man es besser machen kann?

Na klar. Sie sehen schon am Ministerpräsidenten: Baden-Württemberg ist anders. Wir haben zwei Jahre mit der Branche ohne Öffentlichkeit diskutiert. Außerdem kommt ja gerade der Vorschlag zur Kennzeichnung von Fleisch nach dem Beispiel Eier von unserem Minister Alexander Bonde.


Das ist leider nur kühle Theorie. Schweine und Rinder werden in Teilstücken vermarktet, nicht als Ganzes wie ein Ei.

Es ist eine Idee und ein Anstoß zur besseren Erkennung und Vermarktung von Fleisch. Verbraucherinnen und Verbraucher wollen Transparenz über Haltungsformen und Fütterung der Tiere. Das ist notwendig und wir wollen uns für diese Transparenz einsetzen. Dabei könnte die Stufe 0 für Bio stehen, die 1 für Freilandhaltung, die 2 für die Einstiegsstufe des Tierschutzlabels und die 3 für Erzeugung nach der Nutztierhaltungsvorschrift.


Wir denken, dass eine Erkennbarkeit der Qualitätsstufen und der Haltungsbedingungen eher durch Nämlichkeitsnachweise wie das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes funktioniert.

Das ist auf jeden Fall ein guter Weg. Den wollen wir vom Land auch fördern. In Baden-Württemberg werden 1,9 Millionen Schweine gehalten, wir haben etwa 1.000 Betriebe mit mehr als 400 Mastplätzen. Das Ziel ist jetzt, einen signifikanten Teil der Schweinehaltung auf tiergerechte Haltung umzustellen. Dafür stellen wir zunächst bis 2020 mehrere Millionen Euro zur Verfügung und übernehmen einen großen Teil der Investitionskosten für den notwendigen Umbau der Ställe. Außerdem erhalten die Mäster neun Euro pro Tier, das sie nach den Kriterien der Einstiegsstufe erzeugen.


Neun Euro reichen aber nicht aus, um die höheren Kosten vor allem durch den bis zu 50 Prozent geringeren Besatz in den Ställen zu decken. Das Fleisch muss in der Metzgerei oder im Supermarkt auch teurer verkauft werden können. Klappt das?

Wenn das hier im Südwesten nicht läuft, dann läuft es überhaupt nicht. Nirgendwo in Deutschland ist die Kaufkraft so hoch. Viele Menschen in Baden-Württemberg haben ein gutes Einkommen und können sich auch etwas teurere Lebensmittel leisten. Man kann doch nicht immer das billigste Schnitzel kaufen wollen, dann aber die Tierhaltung kritisieren. Bei den Eiern hat sich gezeigt, dass Verbraucherinnen und Verbraucher höhere Preise akzeptieren, wenn es eine staatliche Haltungskennzeichnung gibt.


Wieso subventionieren Sie als Bundesland eigentlich die Produktion von Lebensmitteln?

Wir subventionieren nicht die Produktion von Lebensmitteln, da vermittelt sich ein falscher Eindruck. Wir begleiten finanziell ein Umsteuern unserer Landwirtschaft auf regionale und tiergerechte Produktion. In der Gemüseproduktion funktioniert das schon seit einiger Zeit sehr gut. Wir haben große Flächen von 20 Hektar unter Glas. Die Bauern produzieren dort Tomaten und Paprika direkt in der Region. Das sind Produkte, die vom Preis her natürlich nicht mit den Billigimporten aus Spanien mithalten können. Deshalb gewähren wir auch hier für die heimische Erzeugung einen Zuschlag. Die Edeka Südwest hat sich verpflichtet, diese regionalen Produkte zum Festpreis abzunehmen. Das klappt hervorragend.


Und in der Schweinemast wollen Sie das gleiche Produktionsprinzip anwenden?

Ja. Wir haben es hier mit einem regionalen Markt zu tun. Die landwirtschaftlichen Einheiten in Baden-Württemberg sind zu klein, um für den Weltmarkt zu produzieren. In den letzten zehn Jahren haben uns die Mäster in Nord- und Westdeutschland mit dem Bau von Großanlagen abgehängt. Auch die Ferkelerzeugung, die früher in Baden-Württemberg führend war, ist rückläufig. Das sind für mich beste Voraussetzungen, um hier eine regionale tierschutzgerechte Schweineproduktion aufzubauen.


Wie soll das funktionieren?
Wir begleiten die Betriebe in der gesamten Kette. Die Landwirte bekommen nicht nur die finanzielle Unterstützung von bis zu 40 Prozent der Investitionssumme für die Umrüstung der Ställe – bis zu einer Million Euro –, sondern auch wissenschaftliche Beratung. Die Umstellung von der konventionellen auf eine tiergerechte Produktion ist ja nicht so einfach.


Unterstützen Sie damit nicht die Bauern, die auch schon bei der Initiative Tierwohl mitmachen und Prämien kassieren?

Die Prämien können unsere Betriebe auch mitnehmen, aber die Initiative Tierwohl bringt nicht den Durchbruch zur Veränderung in der Tierhaltung, weil sie die Verbraucher nicht mitnimmt. Wir wollen festgeschriebene Kriterien und keine freie Auswahl, wir wollen das Einstiegslabel und das Premiumlabel des Deutschen Tierschutzbundes unterstützen. Nur so kann unserer Ansicht nach ein Umsteuern in der Tiermast erreicht werden.


Das Programm läuft bis 2020. Wird sich bis dahin etwas verändert haben?

Da bin ich ganz sicher, ja! Der Tierschutz wird ein wesentlicher Faktor in der Nutztierhaltung werden. Die Fleischvermarktung wird viel stärker regional laufen. Auch regionale Vermarktungsprogramme werden wir zusätzlich unterstützen.


Wollen Sie denn alles bezahlen?

Nein, Verbraucherinnen und Verbraucher müssen ebenfalls ihren Teil beitragen. Anders geht es nicht. Tierwohlgerechtes Fleisch kostet etwas mehr. Das müssen die Menschen akzeptieren.


In Baden-Württemberg werden nicht nur Schweine gemästet, unser Vion-Betrieb in Crailsheim ist ein großer Rinderverarbeiter. Haben Sie auch das Großvieh bei Ihrer regionalen Tierschutzoffensive im Blick?

Natürlich. Wir möchten die Tiere wieder auf den Weiden sehen. Für Milchkühe und weibliche Jungtiere haben wir die Sommerweideprämie von 50 Euro pro Großvieheinheit. Außerdem haben wir die extensive Grünlandbewirtschaftung mit 150 Euro pro Hektar für Weideflächen im Hinblick auf Schaf-, Ziegen- und Mutterkuhhalter eingeführt.