Label und Initiativezusammenführen

Dass sich der Geschäftsführer einer der größten Schweinevermarktungsorganisationen in Deutschland ohne Berührungsängste mit dem obersten Chef des Deutschen Tierschutzbundes an einen Tisch setzt, um über Nutztierhaltung zu diskutieren, hätte man sich vor fünf Jahren nicht vorstellen können. Doch für Dr. Conrad Welp war gar die Anreise aus dem niedersächsischen Uelzen nach Bonn für ein Gespräch mit Thomas Schröder nicht zu mühsam. Schließlich wollen beide das Gleiche – mehr Tierwohl in deutschen Mastbetrieben.

Stabile Preisbildung ist absolut wichtig

Herr Schröder, sind Sie mit Ihrem Vorhaben gescheitert, mehr Tierschutz in der deutschen Nutztierhaltung zu erreichen?

Schröder: Nein, wir sind vorangekommen und zugleich ist mein Respekt vor den Landwirten, besonders jenen, die mehr Tierschutz wagen, gestiegen. Ich habe gesehen, mit welchem Engagement sie bei der Umsetzung unseres Labelprogramms „Für mehr Tierschutz“ mitgemacht haben. Und zwar nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen. Inhaltlich haben wir gezeigt, dass es geht.

 

Aber ein Erfolg war es bisher nicht, oder?

Schröder: Wirtschaftlich sind wir nicht da, wo wir sein wollten. Es ist sehr schwer, die festen Strukturen im Markt zu durchdringen. Im Bereich Schwein ist es schwierig, aber beim Geflügel würde ich schon von Erfolg sprechen. Ohne das Tierschutzlabel wären eben nicht die bisher fast 15 Millionen Hühner unter viel besseren Bedingungen aufgewachsen.

 

Wie sehen Sie die Initiative Tierwohl?

Schröder: Lob dafür, dass die Branche sich bewegt, scharfe Kritik für die Methodik.

 

Und jetzt …?

Schröder: … suchen wir nach einer gemeinsamen Basis, um den Tierschutz in Deutschland voranzubringen. Sonst würden wir uns nicht im Beraterausschuss der Initiative engagieren und wir könnten nicht unsere Kompetenz einbringen.

Hat das Tierschutzlabel also erst den Weg für die Initiative Tierwohl bereitet?

Dr. Welp: Absolut. Die Brancheninitiative ist in der Folge der richtige Schritt gewesen. Aber was nun daraus geworden ist, wirkt eher demotivierend. Viele Bauern haben investiert, sind jetzt aber nicht dabei, weil das Geld nicht reicht. So geht das nicht. Die Stimmung in der Landwirtschaft für mehr Tierschutz ist gekippt und ziemlich weit unten. Bauern machen jetzt nur noch was, wenn sie Geld kriegen.

 

Das Engagement der VzF Uelzen als Partner des Tierschutzlabels war also völlig umsonst?

Dr. Welp: Nein, wir setzen weiter auf das Tierschutzlabel. Die Veränderung beginnt im Kopf der Landwirte. Wir haben gesehen, dass es geht. Und ich sage: Es gibt dazu keine Alternative.
Schröder: Es freut mich natürlich, wenn ich diese Bewertung von Dr. Welp höre. Wir wollen die Fortschritte in der Nutztierhaltung gemeinsam mit den Landwirten machen. Der Unterschied ist aber, dass die Initiative Tierwohl den Bauern nicht sagt, wie sie es machen sollen. Die Landwirte werden dort ziemlich alleingelassen.

 

Was kann man tun?

Dr. Welp: Wir müssen Schritt für Schritt und vor allem systematisch vorangehen. Es müssen klare Kriterien formuliert werden wie beim Tierschutzlabel. Mit der Wahlfreiheit, mal dies, mal das zu tun, funktioniert das nicht und schafft auch keine Transparenz beim Tierwohl. Bei einigen Veränderungen brauchen wir auch mehr Zeit. Der Verzicht auf das Schwänze-kürzen ist nicht von heute auf morgen umsetzbar, da muss sich die Landwirtschaft, unterstützt von der Forschung, langsam herantasten. Aber wir haben mit dem Tierschutzlabel die Erfahrung gemacht, dass es der richtige Ansatz ist, den Verbrauchern zu zeigen, wie es vorangeht. Bei der Initiative sehe ich da noch viel Potenzial zur Optimierung.

Schröder: Dr. Welp sprach gerade das Schwänzekürzen an. Ich habe ein weiteres Beispiel: die Bodenbeschaffenheit in den Buchten. Darüber hat sich die Brancheninitiative überhaupt keine Gedanken gemacht. Sie überlässt es den Bauern, was sie machen, für die Berater ist das völlig unbekanntes Gebiet. Dabei sind glatte Liegeflächen für Schweine eine enorme Verbesserung gegenüber den Spaltenböden in der konventionellen Mast.

 

Sie wollen aber nicht nur klagen, sondern auch etwas verändern?

Schröder: Ja. Wir brauchen eine Bündelung von Maßnahmen, diese Zielführung fehlt der Brancheninitiative komplett. Das Reichen von Raufutter geht verpflichtend nur in Kombination mit mehr Platz. Nicht oder! Wenn ich Pakete schnüre, kann auch etwas bewirkt werden. Nur zu sagen, ich will mehr Tierwohl, ist ja so, als wenn ich sage, ich brauche mehr Sonne zum Leben. Eine Aussage des guten Willens, aber ohne Folgen und ohne Chance, zu evaluieren und nachzusteuern.

 

Zugespitzt gesagt: Sie wollen der Brancheninitiative Ihr Label verkaufen?

Schröder: Die Branchenlösung hat bei einer Umgestaltung eine Zukunftschance. Sie ist kein Label, sie will und darf es nicht sein. Ein Gegeneinander macht aber auch keinen Sinn, es geht nur miteinander. Ich möchte unser Label und die Branchenlösung zusammenführen und Zug um Zug aufeinander abstimmen. Auch der Bauernverband muss sich hier bewegen.

Dr. Welp: Ich sehe in der Integration keinen Widerspruch, sondern einen Fortschritt in der Umsetzung. Es müssen einzelne Kriterienpakete auf das Tier bezogen geschnürt werden. Die Bauern haben den Trend zu mehr Tierwohl längst erkannt. Sonst hätten sich ja nicht doppelt so viele gemeldet, wie die Initiative im Moment bezahlen kann. Oder will.