Grenzenloser Tierschutz

Johannes Röring ist westfälischer Bauernpräsident und Veredelungspräsident des Deutschen Bauernverbandes, erfahrener Schweinemäster und CDU Bundestagsabgeordneter. Die vier Betriebsstätten mit einigen Tausend Mastplätzen unweit der holländischen Grenze bewirtschaftet sein Sohn Christian. Frans Stortelder, COO Pork bei Vion, wohnt nur wenige Kilometer entfernt auf der anderen Seite in Groenlo. Begleiten Sie die beiden Experten beim Kamingespräch über Tierwohl auf Rörings Hof in Vreden.

Stabile Preisbildung ist absolut wichtig

Herr Röring, mit dem Tierschutz geht es in Deutschland nicht so schnell voran, oder?

RÖRING: Es stehen viele Themen auf der Tagesordnung, die noch nicht gelöst sind oder für die es nur schwer eine Lösung gibt. Nehmen Sie nur die Themen Ebermast und Kastration. Die Meinungen auf der Abnehmerseite sind unterschiedlich. Wir Bauern wissen doch noch gar nicht, worauf wir uns einstellen müssen. Das ist aber enorm wichtig.

STORTELDER: In zehn Jahren werden wir über die Kastration von Ebern nicht mehr sprechen. Kastraten werden nicht mehr akzeptiert, weder vom Verbraucher noch vom Handel. Einzig in Japan, so glaube ich, wird Fleisch von Ebern noch keinen Markt finden.

RÖRING: In großen Produktionseinheiten in Nord- und Westdeutschland wie auch in Holland ist das, anders als in Süddeutschland, einfacher. Im Süden werden vorwiegend die Metzger beliefert, die kein Eberfleisch vermarkten wollen. Zudem ist in kleineren Betrieben eine getrenntgeschlechtliche Haltung schwieriger – eine wichtige Voraussetzung für die Ebermast. Um marktgerecht zu produzieren, bedarf es einer engen Abstimmung und Absprache von Landwirtschaft und Fleischwirtschaft mit den Kunden im Lebensmitteleinzelhandel, der Fleischwarenindustrie und dem Export.

STORTELDER: Wir machen das seit vielen Jahren in Holland sehr erfolgreich mit unserer Organisation Good Farming Star, wo nahezu 200 Bauern unter Tierwohlkriterien exklusiv für Vion Schweine für das Beter-Leven-Programm mit dem Label des niederländischen Tierschutzbundes Dierenbescherming aufziehen. Wir sind vor gut fünf Jahren damit gestartet und heute froh, es so gemacht zu haben. Die NGOs werden immer stärker und die Forderung nach Tierwohl wird mächtiger und emotionaler.

RÖRING: Gegen wen richtet sich denn der Druck – LEH, Schlachtunternehmen oder Bauern?

STORTELDER: In Holland hat sich der Protest der NGOs sehr stark gegen den Lebensmitteleinzelhandel gerichtet. Daraufhin hat sich Albert Heijn beim Tierschutz neu aufgestellt und ist Kooperationen mit Bauern und Schlachtbetrieben eingegangen. Ab Januar 2016 bindet Albert Heijn auch die Fleischwarenindustrie ein, die Teile vom Schwein zu beziehen, die nicht als Frischfleisch verkauft werden. Jetzt gibt es auch Beter-Leven-Wurst.

RÖRING: Bei uns will der Handel auch mehr Tierschutz, aber nicht ausreichend zahlen.

 

Das klingt ja so, als wenn auch die deutschen Bauern höhere Tierschutzkriterien akzeptieren, wenn sie die höheren Produktionskosten auch bezahlt bekommen.

RÖHRING: Das ist so. Unsere Landwirte sind bereit, in mehr Tierschutz zu investieren, wenn die Verbraucher es honorieren. Das Geld vom Verbraucher zu holen, dazu hat sich der Lebensmittel-einzelhandel in der Initiative Tierwohl verpflichtet. Zurzeit bekommt aber erst etwa die Hälfte der 4.600 in der Initiative registrierten Landwirte ihre höheren Tierschutzaufwendungen bezahlt. Die andere Hälfte geht noch leer aus.

 

Wie funktioniert das in Holland?

STORTELDER: Wir zahlen den Bauern zehn Cent mehr pro Kilo. Vion vermarktet zurzeit 21.000 Schweine pro Woche im Good-Farming-Star-Programm und wir werden auf 30.000 Tiere pro Woche erweitern. Die Landwirte und wir als Fleischunternehmen müssen uns auf den LEH verlassen können, dass er nicht kommen kann und sagt: Ich kaufe jede Woche das billigste Fleisch. Wir brauchen die Zuverlässigkeit in diesem Prozess. Und die haben wir.

 

Ist das auch ein Modell für Deutschland?

RÖRING: Ich bin der Meinung, dass wir ein solches Tierwohlprogramm nicht allein den Handel machen lassen sollten. Wir als Produzenten müssen das machen. Dann könnte es auch hier gelingen.

STORTELDER: Tierwohl ist eine Chance, Allianzen zu schmieden.

RÖRING: Ich möchte verhindern, dass wir nur auf den Kilopreis achten und mit Brasilien und den USA konkurrieren. Einen solchen Wettbewerb können wir ohnehin nicht gewinnen.

 

Wie sehen Sie die Zukunft?

STORTELDER: In Westeuropa kann man am besten produzieren. Hier sind die höchsten Standards z. B. bei der Hygiene. Wir müssen mit unseren Qualitäten und mit Selbstbewusstsein auf die Märkte gehen. Die Zeiten werden nicht zurückkommen, in denen die Bauern einfach viel Geld machen konnten. Ich möchte die Landwirte an Vion binden mit der Zusage von festen Preisen für ein halbes Jahr. Das schafft Vertrauen und Zuverlässigkeit.

RÖRING: Das ist erkennbar der richtige Weg, um etwas zu erreichen. Wir müssen zu einer Haltung kommen, in der wir gemeinsam erkunden, was wir besser machen können. Ich habe nie verstanden, warum der Handel nicht mehr macht in der Vermarktung zusammen mit den Landwirten.

 

Ist die Initiative Tierwohl nicht dazu ein gutes Modell?

RÖRING: Die Initiative Tierwohl ist ein guter Einstieg. Wenn dieser Einstieg aber für die Landwirte finanziell nicht passt, dann passiert für viele Jahre nichts mehr. Wir beschreiten gerade einen schmalen Grat. Und ich fürchte, wir verlieren gerade sehr viel Zeit. Wir Bauern sind offen für diese Ansätze, das Interesse des Verbrauchers zu nutzen. Der will einfach wissen: Wo kommt das Fleisch her, das ich kaufe?

STORTELDER: In Zukunft muss es auch ein anderes Einkaufsmodell geben. Wir müssen zu einer Kettenproduktion wie in Dänemark kommen. Verlässlichkeit auf allen Seiten ist in der Fleischproduktion und in der Vermarktung unerlässlich. In Holland ist Tierwohl ein Katalysator gewesen, um mehr zu verdienen.

 

Bei so viel Einigkeit hier am Tisch ist die Politik mit gesetzlichen Regelungen beim Tierschutz doch gar nicht gefordert, oder?

RÖRING: Das Thema Tierwohl wird bleiben, eignet sich aber nach meiner Einschätzung nicht für Wahlkämpfe auf dem Rücken der Landwirte. Die Politik ist nicht der richtige Ansprechpartner, das Fachwissen liegt in der Wirtschaft. Wir sind als Produzenten gut beraten, diese Entwicklung nicht zu verschlafen, sondern selbst in die Hand zu nehmen.

STORTELDER: Aber die Fleischpreise müssen um 20 Prozent hochgehen. Sonst können die Bauern aufhören, zu produzieren.