Expertengespräch: Nutztierhaltung auf dem Prüfstand

Vion ist beim Thema Tierschutz in einem ständigen Dialog mit den Beteiligten und an einem qualifizierten Meinungsaustausuch interessiert. Dr. Heinz Schweer, Direktor Landwirtschaft bei Vion, moderiert ein lebhaftes Gespräch zwischen dem Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats (WBA) Prof. Harald Grethe (Foto links) und Dr. Bernhard Krüsken (Foto rechts), dem Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Grethe berät die Bundesregierung bei der Agrarpolitik und hat derzeit bei den Bauern einen schweren Stand. Das Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ bringt viele Landwirte auf die Palme. Nun stellt der Agrarwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität sein Büro zur Verfügung, um mit Dr. Krüsken zu diskutieren. Am Ende stellt sich heraus, dass die beiden inhaltlich gar nicht die sprichwörtlichen Meilen voneinander entfernt sind.

Expertengespräch: Nutztierhaltung auf dem Prüfstand

Herr Prof. Grethe, warum fordert der Wissenschaftliche Beirat einen radikalen Umbau der Nutztierhaltung?

Grethe: Ich würde das gar nicht radikal nennen. Es geht um die Umsetzung von mehr Tier- und Umweltschutz. Gesellschaftliche Einstellungen zur Nutztierhaltung verändern sich und auch aus fachwissenschaftlicher Sicht gibt es viel Verbesserungsbedarf im Tierschutz. Wir haben Leitlinien und Empfehlungen formuliert, wie dieser Weg eingeschlagen werden kann, und halten einen solchen Umbau für essenziell für den Sektor. Es muss nicht alles sofort geschehen. Wir haben einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren im Blick. Nur beginnen müssen wir schon heute.

Warum regen sich die Bauern denn dann so auf?

Krüsken: Die Kurzfassung des Gutachtens hat jedenfalls eine völlig andere Wahrnehmung erzeugt. Danach ist die aktuelle Nutztierhaltung nicht zukunftsfähig und nur mit staatlichen Eingriffen überlebensfähig. Ohne die Einbeziehung des Marktes und der Verbraucher fehlt aber die Orientierung, um einen Entwicklungsprozess langfristig zu gestalten. Auch der DBV will aus voller Überzeugung mehr Tierschutz. Mit ordnungspolitischen Entscheidungen von oben würde die Produktion jedoch nur ins Ausland verlagert, wo dann andere – nämlich sehr viel niedrigere – Standards gelten.

Misstrauen die WBA-Gutachter dem Markt?

Grethe: Überhaupt nicht. Was der Markt regeln kann, soll er regeln, und auch dazu macht das Gutachten viele Vorschläge. Aber das kann nur eine Teillösung sein. Schauen wir einfach auf die Zahlen: Laut Umfragen halten 70 Prozent der Bevölkerung mehr Tierschutz in der Landwirtschaft für wichtig. Der tatsächliche Marktanteil von als besonders tiergerecht gekennzeichnetem Fleisch liegt aber nur bei ungefähr 1 Prozent. Ohne flankierende Maßnahmen der Politik ist eine Finanzierung des notwendigen Umbaus nicht zu schaffen.

Also reichen privatwirtschaftliche Vereinbarungen wie die Initiative Tierwohl nicht aus?

Krüsken: Gerade erst ist es nach harten Verhandlungen gelungen, dass der Lebensmitteleinzelhandel sich bereit erklärt hat, 100 Millionen statt wie bisher 65 Millionen Euro im Jahr für die Brancheninitiative Schwein zu zahlen. Natürlich würden wir uns eine noch großzügigere Finanzierung wünschen, damit möglichst viele Bauern mitmachen können. Aber die Initiative hat erst einmal eine mittelfristige Perspektive. Daneben gibt es ja eine ganze Reihe von Produktlabeln, die für Tierschutz und Regionalität werben. Zusammen mit Wirtschaft und Handel können wir viel erreichen. Ich habe die Befürchtung, dass zu viel staatliche Intervention die entstandene Dynamik pulverisiert.

Grethe: Es geht doch nicht um ein Entweder-oder: Die Brancheninitiative Tierwohl hat ein großes Potenzial, sie reicht aber nicht aus. Daneben brauchen wir ein nationales Tierschutzlabel, für das wirkungsvoll geworben wird. In Dänemark wird so ein Label in 2017 an den Markt gehen und die Niederlande haben ein sehr erfolgreiches nicht staatliches Label. Es ist wichtig, dass wir nicht den Anschluss an unsere EU-Nachbarn verlieren, sondern diesen Prozess mitgestalten. Unter dem Dach eines sektoralen Labels können differenzierte Angebote bestehen bleiben. Bisher sind die Angebote für den Verbraucher aber kaum durchschaubar und weitgehend unbekannt. Der Handel wird sich wohl nicht auf ein gemeinsames Label einigen. Da hat jede große Kette ihre eigenen Interessen. Hier haben wir den klassischen Fall eines Marktversagens: Ohne staatliches Label geht es nicht.

Beschleunigen höhere Tierwohlstandards den Strukturwandel?

Krüsken: Ja. Je mehr Vorgaben vom Staat kommen, desto anfälliger wird das System für Fehlsteuerungen. Damit hat die Agrarpolitik ja viele Erfahrungen gesammelt. Wir müssen sehr vorsichtig vorgehen, um bäuerliche Existenzen nicht aufs Spiel zu setzen. Der Markt ist immer noch der beste Kompass.

Grethe: Dennoch reicht er nicht aus. Neben Brancheninitiative und Label brauchen die Bauern staatliche Zahlungen, um für ihre Tierwohl-Anstrengungen entlohnt zu werden. Nicht nur der Bund und die Länder sind gefordert. Langfristig muss sich auch die europäische Agrarpolitik ändern. Wir haben im Gutachten vorgeschlagen, Gelder aus der ersten in die zweite Säule umzuschichten, um gezielt eine zukunftsausgerichtete und tierwohlorientierte Entwicklung des ländlichen Raums fördern zu können.

Wie hoch beziffern Sie die Kosten für den Umbau in der Tierhaltung?

Grethe: Höhere Tierschutzstandards, die uns aus wissenschaftlicher Sicht geboten erscheinen, würden die derzeitigen Produktionskosten für die Tierhalter um 13 bis 23 Prozent erhöhen, das wären 3 bis 5 Milliarden Euro im Jahr. Das entspricht etwa 3 bis 5 Prozent unserer heutigen Ausgaben für Lebensmittel. Wenn wir uns also als Gesellschaft entscheiden, diese Aufgabe zu stemmen, dann ist das auch finanzierbar und mit einem intelligenten Politikmix zu erreichen!

Krüsken: Aus unserer Sicht sind die Kosten zu niedrig und ist die Zahlungsbereitschaft der Kunden zu hoch veranschlagt. Trotzdem analysiert das Gutachten oft richtig die ökonomischen Zusammenhänge, die Zielkonflikte und Einflussfaktoren der Entwicklung. Diese Diskussion hat gravierende Folgen, deshalb muss sie mit Verantwortungsbewusstsein geführt werden. Landwirte treffen Investitionsentscheidungen für einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Es darf nicht sein, dass die Stimmung des Tages entscheidet.

Das Gespräch moderierten
Dr. Heinz Schweer und Thomas Zorn