Endlich handeln!

Wenn ich daran zurückdenke, mit welcher Skepsis die ersten Schritte von Vion in Sachen Tierschutz vom Lebensmitteleinzelhandel begleitet wurden, bin ich heute regelrecht erstaunt über den Wettlauf, den diese Branche derzeit um die besten Tierwohlkonzepte startet. Fünf Jahre nach Beginn der Arbeiten für das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes startet der Lebensmitteleinzelhandel mit der Initiative Tierwohl eine Offensive in seinen Märkten. Die Supermarktketten und Discounter überbieten sich darüber hinaus geradezu in ihrem Streben, sich in Sachen Tierwohl zu profilieren. Im Fokus: die Ferkelkastration!

Am weitesten preschen Aldi und Rewe vor, gefolgt von regionalen Ketten wie dem V-Markt in Bayern. Zentrale Forderung dieser Handelsriesen: Ab 2017 akzeptieren wir kein Schweinefleisch mehr von betäubungslos kastrierten Tieren. Das ist eine enorme Herausforderung. Denn hier handelt es sich um Unternehmen mit mehr als 10.000 Verkaufsstellen in Deutschland.

Wie handeln wir, die Landwirtschaft und die Fleischwirtschaft? Bedeutet diese Vorgabe die ausschließliche Umstellung auf Ebermast? Vion hat bereits in den Schlachtbetrieben ein sehr sicheres System der Geruchserkennung installiert. Bei der Fleischqualität treten keine Probleme auf. Aber: Die Ebermast funktioniert nur in spezialisierten Betrieben. In vielen und besonders kleineren Betrieben kann die Ebermast nicht tierschutzgerecht umgesetzt werden. Folglich ist die flächendeckende Umsetzung einer getrenntgeschlechtlichen Mast in Deutschland nicht möglich. Eine Alternative wäre die Kastration unter Betäubung.

Doch bisher gibt es keine Medikation, die von den Bauern selbst eingesetzt werden kann. Noch muss für die Betäubung der Tierarzt anreisen. Dabei brauchen wir alternativ zur Ebermast dringend ein Konzept der Schmerzausschaltung bei der Kastration, das von Gesetzgeber, Handel und Tierschutzverbänden akzeptiert wird. Die Forschung kommt an diesem Punkt allerdings nicht voran. Erhebliche zusätzliche Kosten pro Tier kommen auf die Bauern zu. Kosten, auf denen sie zunächst wohl sitzen bleiben. Die LEH-Fleischeinkäufer werden die entstehenden Mehrkosten der Landwirtschaft wohl kaum erstatten. Ihr Fleisch, so die Händler, wollen sie nicht teurer verkaufen.

So geht es aber nicht! Es muss etwas passieren! Schon heute reichen die 60 Millionen Euro für die Initiative Tierwohl nicht aus, die der Handel einbezahlt. Der Verbraucher darf nicht mehr durch Billigangebote beim Fleisch angelockt werden. Er muss bezahlen, was er an mehr Tierwohl einkauft und in Marktumfragen auch einfordert. Was ist denn schlimm daran, wenn das Kotelett 20 Cent mehr kostet? Die deutschen Fleischpreise liegen ohnehin am untersten Ende der Skala in Europa. Der Handel muss endlich handeln.