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„Ein Kotelett darf ruhig fünf Cent mehr kosten“

Gert Lindemann ist Jurist und Politiker (CDU). Von 1977 bis 1979 war er Richter am Oberlandesgericht Celle, dann ging er als Beamter in die Landespolitik von Niedersachsen mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft. Von 2005 bis 2010 war er Staatssekretär im Bundesernährungsministerium, 2011 wurde er zum Landwirtschaftsminister in Niedersachsen berufen. Seit 2014 ist er Vorsitzender des Kompetenzkreises Tierwohl beim Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft.

Wir decken alles ab, was wichtig ist

Herr Lindemann, es gibt das Tierschutzlabel, die Initiative Tierwohl, runde Tische und jetzt auch noch den Kompetenzkreis, dem Sie vorstehen. Bleibt das Wohl der Tiere nicht auf der Strecke, wenn so viele Menschen miteinander über dieses Thema reden und auch streiten?

Ich verstehe Ihre Sorge. Der Verdacht liegt nahe, dass die Politik lieber noch einen Arbeitskreis gründet, bevor sie ein schwieriges Thema angeht. Das ist nicht mein Bestreben. Und auch nicht der Ansatz des Ministers. Er will keine Konkurrenzveranstaltung für die Initiative Tierwohl von Handel, Landwirtschaft und Fleischwirtschaft; er will diese Bemühungen unterstützen. Wir wollen kluge Ratschläge geben und zusammenführen. Tierschutz muss Bundessache werden, um unser Ziel eines europäischen Tierschutzlabels wie das europäische Biosiegel umzusetzen.

Haben Sie zeitliche Vorgaben, wann in der Nutztierhaltung wesentliche Fortschritte erkennbar sein sollen?

Der Minister mahnt zur Eile. Wir schauen uns in zwei Jahren an, was von den freiwilligen Regelungen durch die Initiative Tierwohl umgesetzt worden ist. Sind wesentliche Maßnahmen nicht umgesetzt und verabredet worden, müssen wir uns wohl von dem Modell der Freiwilligkeit verabschieden.

Das hieße dann gesetzliche Regelungen?
Das wäre eine Konsequenz.

Was raten Sie der Landwirtschaft?
Die zentrale Frage ist: Darf ich mir die Tiere zurechtschneiden, um sie den Haltungssystemen anzupassen? Darf ich Schnäbel stutzen, Schwänze kürzen, Zähne schleifen? Nein, natürlich nicht. Ich kann den Bauern nur sagen: So geht das nicht weiter. Die Zeit der Ausnahmeregeln ist vorbei.

Tierschutz kostet Geld und Fleischprodukte werden vom Handel immer noch als Sonderangebote genutzt, um Verbraucher in die Läden zu locken.
Ich bin sehr froh, dass der Handel in Sachen Tierwohl die Initiative ergriffen hat und nun 60 Millionen Euro pro Jahr für Verbesserungen in der Fleischerzeugung bereitstellt. Das zeigt mir, dass auch hinter der Ladentheke ein Umdenken stattfindet. Wir müssen moderat die Preise erhöhen. Es sollte doch zu verkraften sein, wenn jedes Kotelett fünf Cent mehr kostet, mehr muss gar nicht sein. Das können die Menschen verkraften, auch wenn wir in Deutschland die Mentalität haben, möglichst wenig für Ernährung und den Kauf von Lebensmitteln auszugeben.

Was sind die nächsten Schritte?
Ich wünsche mir, dass die Bemühungen um mehr Tierwohl flächendeckend auf ganz Deutschland und auf alle Nutztierbestände ausgedehnt werden. Wir als Staat müssen zudem durch eine umfassende Aufklärungskampagne dafür sorgen, dass die Verbraucher mit einem höheren Qualitätsbewusstsein und der Bereitschaft, mehr Geld auszugeben, an den Lebensmittelkauf herangehen. Das ist der Weg, um mehr Tierwohl in den Köpfen auch beim Einkauf zu platzieren.