Ebermast im Südenwenig geeignet

Vor zwei Jahren galt die Klinik für Schweine von Prof. Dr. Mathias Ritzmann als die große Hoffnungsstation der bayerischen Bauern. In den Oberschleißheimer Räumen der Ludwig-Maximilians-Universität forschte sein Team nach Möglichkeiten zur völligen Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration. Über den Stand der Dinge diskutierte er vor wenigen Tagen mit Isabella Timm-Guri, der Direktorin für Erzeugung und Vermarktung beim Bayerischen Bauernverband.

Stabile Preisbildung ist absolut wichtig

Herr Professor, haben Sie Fortschritte gemacht in der Erforschung von Mitteln und Wegen zur vollständigen Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration?

RITZMANN: Ich bin nicht zufrieden mit unseren Ergebnissen. Wir haben verschiedene Ansätze aus der Tiermedizin und der Humanmedizin verfolgt. Beispielsweise mit einem Opiat, dem Butorphanol, das bei Pferden eingesetzt wird. Aber: Unsere Forschung zeigt noch keinen Weg zum gewünschten Ergebnis auf. Wir erreichen keine zufriedenstellende Schmerzausschaltung.

Wo stehen Sie mit der Forschung?

RITZMANN: Wir müssen uns die Frage stellen: Was ist tolerierbar? Was würde beispielsweise mit und ohne Narkose in der Humanmedizin gemacht? Obwohl das sehr schwer direkt zu übertragen ist. Im Moment ist es so, dass von der Pharmaindustrie keine neuen Präparate entwickelt werden.

Ist es eigentlich möglich, Schmerz bei Tieren zu messen?

RITZMANN: Das ist möglich. Wir können Cortisol, Adrenalin und Gehirnströme messen und daraus dann schon erkennen, wie hoch das Schmerz-empfinden ist.

TIMM-GURI: Wir brauchen einen realistischen Umgang mit dem Begriff der „wirksamen Schmerzausschaltung“, wie er im Tierschutzgesetz steht. Wenn bei Verfahren mit Narkose ein gewisses Schmerzniveau toleriert wird, muss das auch bei Verfahren mit Schmerzmitteln gehen, die der Landwirt selbst anwendet. Das Dramatische ist aber, dass uns die Zeit wegläuft. Ab dem 1. Januar 2019 ist die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland verboten. Einzelne marktrelevante Handelsunternehmen sind aber vorgeprescht und haben angekündigt, schon ab 2017 kein Fleisch mehr von Kastraten abzunehmen.

Hört sich alles ziemlich nach Ratlosigkeit an. Nun also doch Ebermast?

TIMM-GURI: Ebermast ist gerade für die kleiner strukturierten Betriebe im Süden wenig geeignet, weil sie beispielsweise nicht getrenntgeschlechtlich mästen können. Wir brauchen mindestens einen weiteren Weg, der die Kastration weiter zulässt. Sonst fürchte ich, dass wir gerade kleine und mittlere Betriebe verlieren.

Was halten Sie von einer Betäubung mit Isofluran?

RITZMANN: Isofluran führt nicht zu einer Schmerzausschaltung, sondern nur zu einer Bewusstseinsausschaltung. Das Tier empfindet Schmerzen.

TIMM-GURI: Isofluran wird uns nicht weiterhelfen. Nur der Tierarzt darf Isofluran verabreichen. Dadurch entstehen Kosten, die gerade kleinere Betriebe in ihrer Wettbewerbsfähigkeit erheblich belasten würden.

In der Branche werden weitere Möglichkeiten erörtert. Was halten Sie von der Methode, Eber mit Improvac geschlechtsunreif zu machen?

TIMM-GURI: Das ist letztlich eine modifizierte Ebermast und bringt die gleichen Probleme mit sich. Beim Einsatz von Improvac ist eine Geruchsdetektion am Schlachtband erforderlich. Wir haben große Sorge, dass die Verbraucher diese Methode nicht akzeptieren und sich dies negativ auf den Schweinefleischkonsum auswirken würde.

RITZMANN: Man muss berücksichtigen, dass bei einer Impfung gegen Ebergeruch die Tiere erst ab der zweiten Impfung wie Kastraten zu halten sind und sich wie Kastraten verhalten. Bis ca. vier Wochen vor der Schlachtung (bis zur zweiten Impfung) sind es intakte Eber. Das ist eine Mischmast.

Kann denn nicht das in der Tiermedizin gebräuchliche Schmerzmittel Ketamin eingesetzt werden?

RITZMANN: Ich halte den Einsatz von Ketamin bei der Kastration aus tierärztlicher Sicht für äußerst problematisch: Die Saugferkel sind zwar nur zehn Minuten betäubt, die Aufwachphase beträgt aber bis zu vier Stunden. In dieser Zeit können sie keine Nahrung aufnehmen und kühlen aus.

Wo sehen Sie Lösungen hin zu einer akzeptierten und schmerzfreien Ferkelkastration?

TIMM-GURI: Wir werden darauf drängen, dass der Evaluierungsbericht der Bundesregierung im nächsten Jahr die Vor- und Nachteile aller potenziellen Alternativen darstellt und bewertet. Dabei darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Wenn der Weg Ebermast aufgrund von Tierschutzproblemen höchstens Note 2 erhalten würde und trotzdem akzeptiert wird, darf nicht beim Schmerzmitteleinsatz ein Weg mit der Note „1 mit Stern“ gefordert werden.

RITZMANN: In den nächsten zwei Jahren wird es kein Schmerzmittel geben, das der Landwirt einsetzen kann. Es gibt Möglichkeiten zur Schmerzreduzierung, aber nicht zur Schmerzausschaltung.