"Der Minister mahnt zur Eile"

In seiner Zeit als Landwirtschaftsminister von Niedersachsen machte Gert Lindemann Furore, als er einen Tierschutzplan Niedersachsen vorlegte. In der größten Veredelungsregion Europas stellte der CDU-Politiker Kriterien für mehr Tierwohl auf. Wie weit Lindemann dachte, zeigt nicht nur sein grüner Nachfolger im Amt, der den Tierschutzplan umsetzt, sondern auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der den Niedersachsen jetzt als Vorsitzenden des bundesweit erstmals einberufenen Kompetenzkreises Tierwohl einsetzte.

Stabile Preisbildung ist absolut wichtig
Herr Lindemann, es gibt das Tierschutzlabel, die Initiative Tierwohl, runde Tische und jetzt auch noch den Kompetenzkreis, dem Sie vorstehen. Bleibt das Wohl der Tiere nicht auf der Strecke, wenn so viele Menschen miteinander über dieses Thema reden und auch streiten?

Ich verstehe Ihre Sorge. Der Verdacht liegt nahe, dass die Politik lieber noch einen Arbeitskreis gründet, bevor sie ein schwieriges Thema löst. Das ist nicht mein Bestreben. Und auch nicht der Ansatz des Ministers. Er will keine Konkurrenzveranstaltung für die Initiative Tierwohl von Handel, Landwirtschaft und Fleischwirtschaft; er will diese Bemühungen unterstützen. Wir wollen kluge Ratschläge geben und zusammenführen. Tierschutz muss Bundessache werden, um unser Ziel eines europäischen Tierschutzlabels wie das europäische Biosiegel umzusetzen. Dazu ist es notwendig, als ersten Schritt die Tierschutzaktivitäten von Bund und Ländern enger zu verflechten.

Haben Sie zeitliche Vorgaben, wann in der Nutztierhaltung wesentliche Fortschritte erkennbar sein sollen?

Der Minister mahnt zur Eile. Wir schauen uns in zwei Jahren an, was von den freiwilligen Regelungen durch die Initiative Tierwohl umgesetzt worden ist. Wurden wesentliche Maßnahmen nicht umgesetzt und ist nicht verabredet worden, welche nächsten Schritte die Landwirtschaft zu mehr Tierwohl gehen will, müssen wir uns wohl von dem Modell der Freiwilligkeit verabschieden.

Das hieße dann gesetzliche Regelungen?

Das wäre eine Konsequenz. Viele Probleme diskutieren wir ja schon seit Jahrzehnten, ohne dass sich da etwas geändert hat. Aber ich muss auch sagen, wir stehen nicht völlig am Anfang. In der Geflügelzucht sind schon Fortschritte erzielt worden, z. B. in der Skelettstabilität. Die Fußballenerkrankungen konnten deutlich reduziert werden und das Aggressionsverhalten von männlichen Puten geht merklich zurück. Das zeigt mir, dass in der Nutztierhaltung die Bereitschaft vorhanden ist, mehr zum Wohl der Tiere zu tun.

Aber Tierschutz kostet Geld und Fleischprodukte werden vom Handel immer noch als Sonderangebote genutzt, um Verbraucher in die Läden zu locken.

Ich bin sehr froh, dass der Handel in Sachen Tierwohl die Initiative ergriffen hat und nun 65 Millionen Euro pro Jahr für Verbesserungen in der Fleischerzeugung bereitstellt. Das zeigt mir, dass auch hinter der Ladentheke ein Umdenken stattfindet. Wir müssen moderat die Preise erhöhen. Es sollte doch zu verkraften sein, wenn jedes Kotelett fünf Cent mehr kostet, mehr muss gar nicht sein. Das können die Menschen verkraften, auch wenn wir in Deutschland die Mentalität haben, möglichst wenig für Ernährung und den Kauf von Lebensmitteln auszugeben.

Was sind die nächsten Schritte?

Ich wünsche mir zunächst einmal, dass die Bemühungen um mehr Tierwohl flächendeckend auf ganz Deutschland und auf alle Nutztierbestände ausgedehnt werden. Wir als Staat müssen zudem durch eine umfassende Aufklärungskampagne dafür sorgen, dass die Verbraucher mit einem höheren Qualitätsbewusstsein und der Bereitschaft, mehr Geld auszugeben, an den Lebensmittelkauf herangehen. Das ist der Weg, um mehr Tierwohl in den Köpfen auch beim Einkauf zu platzieren.

Ist Tierschutz denn ein Kommunikationsproblem?

Nein, das glaube ich nicht. Aber vieles, was wir Menschen meinen, tun zu müssen, damit es den Tieren gut geht, muss den Tieren gar nicht guttun. Die Gleichung „mehr Licht, mehr Platz und anderes Futter“ passt nicht immer. Ich denke nur daran, dass man früher immer dachte, die Tiere müssten es im Winter warm haben. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Moderne Nutztierhaltung findet heute in Offenställen statt. An solchen Punkten müssen wir mit unserer Aufklärung ansetzen.

Und was raten Sie der Landwirtschaft, welchen Weg sollen die Bauern gehen?

Die zentrale Frage ist ja: Darf ich mir die Tiere zurechtschneiden, um sie den Haltungssystemen anzupassen? Darf ich Schnäbel stutzen, Schwänze kürzen, Zähne schleifen? Nein, natürlich nicht. Ich kann den Bauern nur sagen: So geht das nicht weiter. Die Zeit der Ausnahmeregelungen läuft ab.

Heißt das, ab jetzt werden zum Beispiel weniger Tiere auf der gleichen Fläche zugelassen?

Das wird auf jeden Fall so kommen und ist ja auch von der Initiative Tierwohl in den Kriterienkatalog aufgenommen worden. Diese Vorgaben hatten wir schon in unserem Tierschutzplan Niedersachsen gemacht und die würde ich auch in einen Tierschutzplan Deutschland verbindlich aufnehmen. Aber wir haben ja noch mehrere Themen wie Schwänzekürzen und Kastrationen in der Schweinemast. Diese Eingriffe sind als Folgen aus dem Aggressionsverhalten der Tiere entstanden. Ob das sein muss oder ob man auf diese Eingriffe verzichten kann, wollen wir wissen. Deshalb stellt das Bundesministerium pro Jahr weitere fünf Millionen Euro für die Tierschutzforschung Nutztierhaltung zur Verfügung.