DER 4. WEG – die beste Lösung beim Thema Ferkelkastration

Dass die Begegnung etwa einen Meter unter der Grasnarbe im Souterrain eines Verwaltungsbaus des Bayerischen Bauernverbandes in Landau stattfindet, hat nichts damit zu tun, dass Präsident Walter Heidl mit seinen Ansichten zur höchst umstrittenen Ferkelkastration etwa abtauchen möchte. Das Gegenteil ist der Fall. Was derzeit besonders in Süddeutschland heiß diskutiert wird, aber auch Auswirkungen auf die Schweineerzeuger in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen haben wird, verlangt nach einem kühlem Kopf. Und in einem tief liegenden Raum lässt sich an diesem heißen Spätfrühlingstag mit Heidl und dem Tiermediziner Dr. Andreas Randt eben trefflich diskutieren und analysieren, ohne dass es hitzig wird.

DER 4. WEG – die beste Lösung beim Thema Ferkelkastration

Hier sitzen zwei Fachleute am Tisch, die nach Lösungen suchen für die Ende 2018 auslaufende betäubungslose Ferkelkastration. Sie sind gezwungen, nach einer Alternative zu suchen, denn die bisherigen Ansätze wie Ebermast oder die Kastration durch Einsatz von Improvac oder Isofloran sind nach Heidls Ansicht besonders in der kleinstrukturierten bayerischen Nutztierproduktion nicht umsetzbar. „Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass es notwendig ist, weiter für die lokale Betäubung zu kämpfen.“ Dabei hat der Bauernfunktionär in dem Leiter des Tiergesundheitsdienstes Bayern einen Experten an seiner Seite, der mit den Erfahrungen aus vielen Tausend Anwendungen diesen sogenannten 4. Weg kompetent begleitet. Der Experte meint sogar, dass die lokale Betäubung aus Sicht des Tierschutzes Vorteile gegenüber der bisher favorisierten Vollnarkose hat.

Manch einer mag sich wundern, warum erst jetzt ernsthaft und mit Vehemenz über die lokale Anästhesie nachgedacht wird. Zumal es seit vielen Jahren positive Erfahrungen mit den Betäubungsmitteln Procain und Lidocain in der Tiermedizin gibt. Im Ausland und auch hier. Dr. Randt erläutert, dass Procain bei Tieren als lokales Anästhetikum für Kaiserschnitte bei Kühen oder in Kleinoperationen eingesetzt wird.

Bezogen auf die Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration wären beide Mittel zur Schmerzausschaltung vom Landwirt selbst anwendbar, sagt Dr. Randt. Das ist für Heidl ein wichtiges Argument. Der Bauernfunktionär, selbst Schweineerzeuger im Kreis Landau, achtet auf praktikable Lösungen. Bei der Behandlungsmethode mit Procain braucht der Landwirt mehr Zeit. Die lokale Betäubung wirkt erst nach 45 bis 60 Minuten, er kann also Bucht für Bucht betäuben und kehrt dann zur Kastration zur ersten Bucht zurück. Der Eingriff selbst sei in 12 bis 15 Sekunden pro Tier erledigt. Schmerzfrei.

Dr. Randt erläutert das Betäubungsverfahren, das die Landwirte schnell erlernen und ohne Hinzuziehung eines Tierarztes durchführen könnten, was die Kosten pro Tier auf ein paar Cent reduziere: „Mit einer sehr dünnen und kurzen Kanüle werden die Injektionen in den Hodensack und nicht direkt in den Hoden gespritzt.“ Die nach 45 Minuten Einwirkzeit durchgeführte spätere Kastration mit einer dänischen Kastrationszange – zwei Schnitte – sei der komfortabelste und tierschonendste Eingriff. Das deutsche Tierschutzgesetz, § 5, Abs. 1, Satz 4, lässt genau diese lokale Anästhesie als wirksame Betäubung bei der Kastration von Ferkeln unter 8 Tagen zu.

Dass der Einsatz von Procain bisher in der nationalen Diskussion um mögliche Wege aus der betäubungslosen Kastration nicht in den Blickpunkt gerückt ist, mag auch mit einer Forschungsarbeit zusammenhängen, die eine völlige Schmerzausschaltung bei Lokalanästhesie mit diesem Mittel verneint. Wie man heute weiß, haben die Wissenschaftler bei ihren vielfältigen Untersuchungen aber zu früh gemessen. Dr. Randt und sein Team können mit ihren Versuchen heute belegen, dass die Einwirkzeit bei der Anwendung von Procain mindestens 45 Minuten betragen muss.

Da der Medizinerstreit unter dem Zeitdruck der nächsten eineinhalb Jahre wohl nicht gelöst werden kann, konzen­trieren sich die Befürworter des 4. Weges mittels Lokalanästhesie auf das Mittel Lidocain. Einer der größten Verfechter ist Walter Heidl. „Wir brauchen eine Indikationserweiterung“, sagt er. „Lidocain wirkt schneller und man kann die zusätzliche Schmerzmittelgabe einsparen.“ Das Problem bisher: Das aus der Humanmedizin bekannte Lidocain ist in der Tiermedizin ausschließlich bei Hunden, Katzen und Pferden zugelassen.

Doch aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium gibt es positive Signale. Staatssekretär Dr. Hermann Onko Aeikens sagt: „Nach allgemeiner Auffassung eignet sich der Wirkstoff Lidocain besser für die Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration als der Wirkstoff Procain. Im Gegensatz zu Procain liegt für Lidocain aber noch keine Rückstandsbewertung beim Schwein vor.“ Dieses entsprechende Gutachten muss bei der Europäischen Arzneimittelagentur in Brüssel für die Zulassung eines Lidocain-haltigen Arzneimittels beantragt werden. Nun ist die Pharmaindustrie gefragt, die interessiert ist und sich auf den Weg macht.

Staatssekretär Aeikens nimmt nach seinen Aussagen die Sorgen und Probleme der deutschen Ferkelerzeuger sehr ernst. Allerdings sei „die Zulassung geeigneter Tierarzneimittel Voraussetzung für die Anwendung durch den Landwirt“. Bayerns Bauernpräsident setzt voll auf die Zulassung der Variante Lidocain, auch weil in Schweden seit 2016 diese Form der Schmerzausschaltung bei der Ferkelkas­tration erfolgreich praktiziert wird. „Ich bin sicher, dass nicht nur wir Landwirte im Süden, sondern nach einer Zulassung 80 Prozent aller Ferkelerzeuger auf Lidocain umsteigen werden.“ Er hofft sogar auf eine zeitweilige behördliche Ausnahmegenehmigung für die Anwendung in Deutschland, falls der Genehmigungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. „Im ungünstigsten Fall nehmen wir eben 2019 als lokales Betäubungsmittel zunächst Procain und wechseln dann ein Jahr später auf Lidocain. Alternativen dazu gibt es für uns nicht.“