Betäubungslose Ferkelkastration im Fokus

Vom 1. Januar 2019 an ist die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland verboten. Im Gespräch mit Dr. Heinz Schweer, Vion-Direktor Landwirtschaft (Foto Mitte), warnen Stephan Neher, Vorsitzender der Ringgemeinschaft Bayern (Foto rechts), und Hans Auer, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Südostbayern (Foto links), vor den Konsequenzen der leichtfertigen Terminierung und fordern von der Bundesregierung im ersten Schritt eine seriöse Folgenabschätzung.

Betäubungslose Ferkelkastration im Fokus

Die Bundesregierung hat sich festgelegt: Von 2019 an ist die betäubungslose Ferkelkastration verboten. Jungebermast, Immunokastration, Isofluran und Ketamin seien sachgerechte Alternativen. Warum sind die Landwirte dennoch so verunsichert?

Auer: Wenn es so einfach wäre. Hier geht es ja um eine grundsätzliche Entscheidung, die anschließend unumkehrbar ist. Nur die Folgenabschätzung, welche Konsequenzen diese Alternativverfahren sowohl auf der grünen landwirtschaftlichen als auch auf der roten Fleischseite haben, liegt noch gar nicht auf dem Tisch. Das gilt besonders für die Thematik der Absatzmärkte gerade unter süddeutschen Bewertungskriterien. Und die ist nicht unwesentlich geprägt von einem wichtigen italienischen Metzgermarkt und einer starken süddeutschen Metzgerschaft, die mit Eberfleisch ganz starke Vorbehalte verbinden. Die klare Meinung dort lautet: Nicht mit uns!

Auf der einen Seite versuchen wir, uns dringend nötige neue Absatzkanäle in Fernost und sonst wo auf der Welt zu erschließen, und ruinieren dann 2019 per Gesetz einen kerngesunden Exportmarkt vor unserer Haustür. Wie widersinnig ist das denn?

Neher: Und die Vorbehalte – gerade auch bei den Landwirten – betreffen ja nicht nur die Ebermast, sondern alle Kastrationsalternativen. Denn egal welche – sie kosten Geld. Denn für alle Betäubungsverfahren braucht der Bauer den Tierarzt, und das verteuert den eigenen Prozess und ist Wertschöpfung, die abfließt. Mit 10 Euro pro Tier ist jeder dabei. Und dann darf man gespannt sein, wer das kompensiert. Der Handel? Der Verbraucher? Da bin ich gespannt.

Was sagen Sie überhaupt zu dem Weg, den das Gesetz genommen hat?

Neher: Das ist schon grotesk, aber irgendwo auch hausgemacht. Grundsätzlich orientiert sich die politische Entscheidung solcher Fragen doch immer an der Stimmungswahrnehmung der Politiker. Zugleich leidet die Diskussion darunter, dass jeder sofort nur noch an sich denkt: Die Pharmaindustrie, die Schlachtunternehmen, die Institute, die Tierärzte – jeder sucht seine Position in der Debatte und sieht vor allem den eigenen Vorteil – im Klartext: sein Geschäft. Damit führt die Diskussion aber am eigentlichen Problem vorbei. Die praktische Umsetzbarkeit und die Konsequenzen für den Bauern, die Produktionsbetriebe und deren Absatzstrukturen werden gar nicht mehr thematisiert. Und so kommt die Politik zu dem Eindruck: Na prima, dann hat ja niemand ein Problem. Wer aber hinten übern Tisch fällt, sind die Bauern. Und da werden besonders wir im Süden mit unseren Strukturen ein Riesenproblem kriegen. Jetzt haben wir alle kastriert, und das hat für alle gepasst. In der Differenzierung mit unseren vielen kleinen Betrieben, die auf Ferkelerzeugerseite oft nur zwei, drei Mäster haben, die noch unterschiedliche Vermarktungswege nutzen zwischen Metzger und Schlachthof, passt das schlagartig nicht mehr für alle. Eher nur noch für die wenigsten.

Heißt das, das Gesetz würde zumindest hier im Süden zur Strukturkeule?

Neher: Davon bin ich überzeugt.

Auer: Uneingeschränktes Ja – und zwar auf der Ferkelseite wie auf der Mastseite.

Warum wäre die Ebermast keine Alternative? Es werden ja auch in Bayern Eber gemästet. Es gibt die Betriebe und die können es auch. Hinzu kommt: Es gibt Schlachtunternehmen, die dezidiert Eber haben wollen. Das führt dazu, dass auch Erzeugerorganisationen bereits Überlegungen anstellen, wie das organisatorisch auf die Reihe zu kriegen ist.

Neher: Es gibt diese in sich sehr geschlossenen Betriebe mit einem festen Vermarktungsweg an einen speziellen Schlachthof, der das Produkt „Eberfleisch“ gezielt für einen Kunden braucht. Die Arbeitsweise dieser zwei, drei Prozent unserer Betriebe auf 100 Prozent zu übertragen, ist hier im Süden nicht möglich.

Auer: Außerdem wäre die Marktsättigung in Sachen Eberfleisch sehr schnell erreicht.

Wenn aber große Unternehmen des LEH schon ab Januar 2017 nur noch Schweinefleisch von nicht kastrierten Schweinen beziehen wollen, sind wir von einer Marktsättigung auf einmal sehr weit entfernt. Und vor dem Hintergrund dieser Nachfrageentwicklung muss man doch sehen: Improvac-Impfung findet bisher gar nicht statt- Dann haben wir in Deutschland bisher nur zehn Prozent Ebermastbetriebe und in den anderen vom Gesetz genannten Alternativen zur Kastration sind wir nur in Nischen unterwegs. Nun nehmen die LEH-Theken ja auch keine halben Schweine ab, sondern nur Teilstücke. Das bedeutet doch, dass wir ein Vielfaches an Ebern produzieren müssen, um die Nachfrage überhaupt bedienen zu können.

Neher: Was diese Entscheidung des LEH angeht, ist das für uns Bauern der reine Populismus. Dem Handel geht es darum, sich auf diesem Weg als Vorreiter des Tierschutzes zu positionieren. Das macht es in der Übergangszeit für die Schlachtbetriebe noch komplizierter. Denn die müssen ja die kastrierten von den nicht kastrierten Schweinen in ihrer gesamten Prozesskette getrennt halten, um am Ende dem LEH vermutlich „an Eides Statt“ versichern zu können: Das ist Eberfleisch von einem nicht kastrierten Tier.

Damit führt dieser Alleingang des deutschen Gesetzgebers zu einer enormen Komplexität. Denn hinzu kommen die reinen Schinken- und Rohwurstproduzenten, die sagen: Aber nicht vom Eber! So wird aus einem einheitlichen Markt plötzlich ein gespaltener Markt. Möglicherweise sogar mit unterschiedlicher Preisgestaltung.

Auer: Und damit haben wir in Europa ein Alleinstellungsmerkmal – nämlich außer Handelshemmnissen und Kosten nichts gewonnen. Vom Mehraufwand des Bauern gar nicht zu reden. Ich würde gern mal die Politiker einladen, damit sie mit der Spritze bei mir in die Bucht springen und versuchen, 90 Kilo schwere Eber zu impfen. Es kann doch nicht sein, dass, einer Ideologie folgend, der Anwenderschutz keine Rolle mehr spielt und Marktverwerfungen in Kauf genommen werden, nur weil man irgendwann mal ein Datum gesetzt hat, unter Missachtung aller Probleme, die rote und grüne Seite damit haben werden. Dann will ich auch nicht mehr hören: „Wir brauchen die bäuerliche Landwirtschaft mit ihren traditionellen Strukturen.“ Dann bitte auch diese Gedanken komplett ad acta legen.

Wie realistisch ist es, dass das Datum 1. Ja-nuar 2019 noch einmal verschoben wird?

Auer: Ich würde mir wünschen, dass der politische Mut aufgebracht wird, zu sagen: Wir haben die Folgenabschätzung nicht genügend bedacht, wir haben sie nicht mal seriös vorgenommen.

Neher: Das wäre jetzt die Aufgabe des Bundeslandwirtschaftsministers – ebenso, wie die ganze Diskussion nun mal zu versachlichen, um sie aus dieser eigeninteressengetriebenen Stoßrichtung rauszuholen. Und das vermissen wir bei Herrn Schmidt. Auch weil an den Worst Case noch gar nicht gedacht wurde: dass sich die Mäster und Schlachtbetriebe zukünftig mit importierten Ferkeln behelfen. Denn außerhalb Deutschlands verbietet unser Gesetz die betäubungslose Kastration eben nicht. Damit wird einer buchstäblich grenzenlosen Ferkelschwemme Tür und Tor geöffnet und sämtliche Ansprüche wie Regionalität, die wir glauben, so hoch halten zu müssen, werden über den Haufen geworfen. Das bedeutet: Sollten die deutschen Anforderungen kommen, müssen sie zumindest QS-seitig berücksichtigt werden.

Wenn das Gesetz so unausgegoren ist, wie es scheint – was ist da noch zu retten?

Neher: Ich glaube schon, dass sich im Zuge dieser Diskussion durchaus Chancen zur Differenzierung auftun können, aber das Datum Januar 2019 ist voreilig und leichtfertig gesetzt. Würde die Bundesregierung sagen: „Das hier ist die Richtung, in die ihr euch entwickeln müsst“, wäre das angemessen.

Auer: Immerhin hat das Gesetz differenzierte Verfahren vorgelegt, nur ist ihre Anwendung noch nicht erprobt – und dazu liegt nichts vor. Das heißt: Wir brauchen jetzt eine fundierte, wissenschaftlich begleitete Folgenabschätzung und in diesem Sinne werden wir das Positionspapier der Koordinierungsplattform „Verzicht auf betäubungslose Ferkelkastration“ unterstützen.

Das Gespräch moderierte Dr. Heinz Schweer